»Foto auf Anfrage«

»Foto auf Anfrage«Simon Chevrier

Man sagt, Literatur erkennt man daran, dass sie dich erst verführt und dir dann ganz ungeniert die Wahrheit ins Ohr flüstert. Simon Chevriers Roman »Foto auf Anfrage« macht genau das. Ein bisschen Blickkontakt, ein bisschen Haut, ein bisschen existenzielle Krise zwischen zwei Grindr-Nachrichten und plötzlich sitzt du da und fragst dich, wann genau dein Herz angefangen hat, sich in diesen Text zu verbeißen. Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt du premier roman 2025, also quasi der literarische Ritterschlag für Debüts, kommt diese Geschichte nicht geschniegelt daher, sondern mit zerzausten Haaren, leicht verschwitzt und erschreckend ehrlich. In Toulouse, 2020. – also noch mitten in der Pandemie – swiped sich der einsame Erzähler selbst genauso hart wie seine Dates.
Die Sprache ist klar, trocken, manchmal so präzise, dass sie fast intim wird. Nicht laut erotisch, eher dieses leise Knistern, wenn jemand dich ansieht und du nicht sicher bist, ob es Begehren oder Projektion ist. Wahrscheinlich beides. Christian Ruzicska hat den Text ins Deutsche übersetzt.
Die Obsession des Erzählers – getriggert durch ein Foto von Peter Hujar – wird zur Spurensuche durch Jahrzehnte, durch Körper, durch Verluste. Und irgendwo zwischen New Yorker Bohème der Achtziger und digitaler Gegenwart liegt diese eine Frage, die sich nicht wegwischen lässt: Wer bist du, wenn niemand mehr zuschaut?

1catchDorian Prosthttps://geistesblueten.buchkatalog.de/search?q=Simon+ChevrierbooksZum Buch von ...