»Die Schrecken der anderen«

»Die Schrecken der anderen«Martina Clavadetscher

Wie zeigt man etwas, das längst alle sehen? Wie benennt man das Unheimliche, wenn es längst Nachbar geworden ist? Martina Clavadetscher, Schweizer Buchpreisträgerin und eine der bedeutendsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, stellt in ihrem neuen Roman eine unbequeme, fast unerträgliche Frage: Was geschieht, wenn die Vergangenheit nie vergangen ist?

Ein Junge findet eine Leiche im Eis. Die Polizei hat keine Zeit. Der Polizeiarchivar Schibig wird geschickt. Und Rosa, eine rätselhafte Frau im Wohnwagen, erkennt sofort, dass hier mehr verborgen liegt als ein toter Körper. Was folgt, ist keine klassische Spurensuche, kein Whodunit, keine Erlösung im letzten Kapitel. Denn »Die Schrecken der anderen« ist kein Kriminalroman, sondern eine gespenstische Allegorie auf das, was unter der Oberfläche brodelt, wenn man Geschichte vergräbt statt verarbeitet.

Clavadetscher lässt ein Dorf in der Zentralschweiz sprechen, schweigen, erinnern und leugnen. Der Ort heißt Ödwil, aber er könnte überall liegen, wo sich alte Ideologien in neuen Kleidern versammeln. Wo sich reiche Erben in Herrenzimmern mit Zylinderträgern treffen, um eine bessere Vergangenheit herbeizuphantasieren. Wo Mütter aus ihren Betten heraus das Familiengedächtnis diktieren. Wo die Polizei bei der Aufklärung von »Leichen im Keller« nicht dieselbe Gründlichkeit zeigt wie bei einer »Leiche unter Eis«.

Der Roman ist kein Krimi! Er tarnt sich nur als solcher. Das Opfer heißt McGuffin, ein Name, der nicht nur Eingeweihten ein unmissverständliches Augenzwinkern schickt. Wer also einen gemütlichen Sonntagabendthriller erwartet, wird sich wundern, wie tief dieses Buch bohrt. Denn die wahre Spannung entsteht nicht durch das Warten auf die Auflösung, sondern durch das stetige Einsickern der Erkenntnis, dass die Vergangenheit nicht vergangen ist, sondern nur andere Namen trägt. »Die Schrecken der anderen« fragt, wessen Geschichte erzählt wird – und wessen nicht. Und warum das so bleibt. Clavadetscher erzählt bildstark, mit einem Gespür für Atmosphäre, das an gotische Schauerromane erinnert, ohne ins Genrehafte zu kippen. Vielmehr schafft sie einen literarischen Raum, in dem Fantastisches, Politisches und Historisches ineinandergreifen. Jeder Satz trägt Gewicht, jede Figur ist mehr als nur ein Platzhalter im Plot.

1catchAnne Morgensternhttps://geistesblueten.buchkatalog.de/die-schrecken-der-anderen-9783406836985booksZum Buch von ...»Die Schrecken der anderen«Martina Clavadetscherhttps://geistesblueten.buchkatalog.de/die-schrecken-der-anderen-9783406836985https://geistesblueten.com/wp-content/uploads/2023/11/Schrecken-der-anderen.jpg